Mein neues Buch "Silbermondmädchen"

Buchprodukt Lyrik und Prosa (Hardcover, Fadenheftung und Schutz-umschlag) als limitierte „Art-Edition“ Auflage 500 Stück - Kartonver-packung schwarz

Titel: "Silbermondmädchen"

Untertitel: Sämtliche Lyrik und Prosa aus 4 Jahrzehnten mit mehr als 80 Bildern / Zeichnungen als limitierte Art-Edition mit zwei handsignierten und limitierten Drucken.

Urheber: Pollheide, Gerhard

ISBN-13 = 978-3-9817277-7-7

Verlag: Brandheiß Verlag Lübbecke,

Julius-Brecht-Str. 88, D 32312 Lübbecke

Tel: +49 (0)1719309334

E-Mail: Brandheiss.Verlag@t-online.de

oder auch gerhard.pollheide@t-online.de 

Preis: 79,90EUR (DE), zuzüglich Versandkosten

Reduzierter Satz, Gebundener Ladenpreis

Auflage: 1. Auflage / Erscheinungstermin Dezember 2019

Lieferbarkeitsstatus: Lieferbar

Produktform: Buch / Kunstwerk als limitierte Art Edition (Werkverzeichnis 5.501 bis 6.000)

Anzahl Seiten:  972

Bestellungen können per E-Mail an gerhard.pollheide@t-online.de erfol-gen. Lieferung erfolgt per Postpaket aus Spanien oder Deutschland.


 

Hier noch einige Bilder aus meinem Buch. Zur Vergrößerung und für weitere Infos zu den Büchern bitte das Bild anklicken.

 

 

Einige Leseproben aus meinem 972-seitigen Buch "Silbermondmädchen"

 

 

Sei wehrlos


Gehst du ein Stück zu zweit

und die Stunden vergehen im Fluge

wenn ungesprochene Worte Gedanken durchdringen

und Blicke dich treffen wie Blitze.
Dann wehr dich nicht!


Wenn du die Stille hörst

Blicke mehr sagen als tausend Worte

wenn Nähe dich
zum Schwanken bringt

Ferne unaussprechlich bleibt.
Dann wehr dich nicht!

 

***

 

Mein Konzert am Rhein

 

Und mir fiel unwillkürlich die Loreley ein. Es mag wohl 20 Jahre her sein, als ich das erste und einzige Mal diese Loreley, den Götterfelsen des Rheins, besuchte. Das hatte mit einer kleinen Frau zu tun: Joan Baez! Es goß den ganzen Tag in Strömen, wie eine Warnung an mich, nicht hinzugehen. Doch ich ging, denn ich spürte den Regen nicht. Und sie, Joan Baez, sang und spielte auf einer Gitarre. Sie sang und spielte wohl drei Stunden im Regen - zu mir, dem Schiffer im Kahn. Diese kleine Frau mit dem so großen Herzen; ich mochte ihre Lieder schon immer; hatte mich jetzt völlig verzaubert und sollte mein ganzes Leben beeinflussen.


Ich merkte damals sofort, ihr Gedankengut war auch das meinige. Ihre utopischen Botschaften decken sich mit den meinigen. Sie kämpfte auf verlorenem Posten, nur mit unendlichem Mut, einer Stimme und einer Gitarre ausgestattet für ihr Utopia - ich mit Pinsel und Bleistift für das meinige. Ich glaube, Joan Baez, die mexikanische Irin, die irische Mexikanerin, ist eine freie, glückliche Frau, in ihrem Utopia, ihrem „Kein-Ort-Nirgends“, wie immer es ihr gehen mag, was ich nicht weiß. Sie, die zu mir sang, war nicht nur Joan Baez: Nein, sie war meine Lore-Ley und ich der Schiffer im Kahn.


Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

Die Bedeutung meiner Trauer habe ich erkannt. Es war der Wunsch nach der Erfüllung eines uralten Märchens, der Wunsch, es möge diesen „Kein-Ort-Nirgends“ geben. Ich begab mich damals auf die Suche nach ihm.


Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.

 

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.


Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

 

Ja, diese gewaltige Melodei, sie hatte mich vollends ergriffen, die utopischen Botschaften dieser kleinen Frau waren auch meine Botschaften. Sie waren es, auch die Botschaften Bob Dylans, die Botschaften des Konstantin Wecker, die mir sagten: Du, Gerhard Pollheide, hast Verbündete - du stehst nicht allein!


Aber sie, Joan Baez, meine Lore-Ley, war es, die mich von meiner Irrfahrt erlöste, mich auf einen kleinen, schmalen Pfad brachte, meinen Weg, den ich nicht mehr verlassen sollte und wollte, obwohl ich wohl tausendmal strauchelte. Dieser Tag war mein Tag. Ich kannte meinen Ausweg aus diesem beschissenen Chaos von Verletzungen.


Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

 

Ich bin der Schiffer im kleinen Schiffe. Und mein bisheriges Leben endete an jenen Felsenriffen der Loreley. Ich war vielleicht eine, von mir aus will ich es so benennen, multiple Person. Die eine Person starb an diesem Tag und ihr Sterben gebar mich: Denjenigen, der vorher nicht existierte.


Die Wellen haben verschlungen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.


An diesem Tag gründete ich meinen real existierenden Staat. Ich benannte diesen Ort Herzsüden! Ich gründete mein Himmelreich auf Erden, eine soziale Idylle ohne Klassen und Klassenkämpfe mit einer idealen Gesellschaft ohne Rassismus, ohne Heuchelei, ohne Ausbeutung, ohne jegliche Unterdrückung, ohne Gewalt. Mein reales Utopia des ewigen Friedens, ich hatte es immer herbeigesehnt, jetzt hatte ich es gefunden.


Es bedurfte hierzu einer kindlichen Gläubigkeit. Ich bin froh darüber, diesen Weg konsequent weiter gegangen zu sein. Ja, ich hatte viele Zweifel, doch meine indianischen Studien und meine Bewußtseinsstudien belegten deutlich: Ich konnte nur diesen Weg gehen, für meine beseelte Zukunft. Es war mein Weg. Für andere mögen andere Wege die richtigen sein. Es gibt so viele Wege, wie es Wahrheiten gibt.


Und dieser Standpunkt ist es, den ich einfordere von dieser Gesellschaft. Es ist der Standpunkt, mehr als nur eine Wahrheit zu akzep-tieren, also den Standpunkt einzunehmen: Es gibt keine Wahrheit! Und was ist eine Gesellschaft ohne Wahrheiten? Sie ist der Kein-Ort-Nirgends; sie ist der Ort Herzsüden! Das Himmelreich auf Erden, eine soziale Idylle ohne Klassen und Klassenkämpfe mit einer idealen Gesellschaft ohne Rassismus, ohne Heuchelei, ohne Ausbeutung, ohne jegliche Unterdrückung, ohne Gewalt. Einreales Utopia des ewigen Friedens.

 

***

 

Nachmittagssparziergang


Die Westerwieke in Wiesmoor war zugefroren, an diesem 23. Dezember 2000. Lächelnd hörte ich Kinderstimmen auf dem Eis. Im raureifigen Nebel zunächst nur schemenhaft zu erkennen; näherkommend sah ich sie: Da waren sie wieder, diese Rotzlöffel aus meiner Jugendzeit, die aus Bäumen fielen, hinter Mauern lauerten, sich in hohen Wiesen duckten. Sie hatten sich zum Spiel zusammengerottet. Zwei Mädchen und vier Jungs, so zwischen sieben und zwölf Jahren alt, jagten auf dem Eis dem Puck hinterher.


Aus Brettern selbst gezimmerte Ungetüme stellten die Tore dar, in die es hineinzutreffen galt, mit ihren aus Weidenzweigen geschnitzten, folienbandumwickelten Hockeykellen. Rufen, schreien, anfeuern! Die Luft war erfüllt mit den noch bekannten Klängen der Kindheit. Ich hatte Angst, die in mir aufsteigende Wärme könnte die Eisbahn zerschmelzen.
Da war sie, die kindliche Unbekümmertheit, als sie mich wahrnahmen, vielleicht denkend: „Was will denn der Alte hier?“, und mir mit ihren rotgefrorenen Rotznasen und frech funkelnden Augen: „Moin!“ zuriefen.


Ich sah ihnen zu, war hierbei der siebente Spieler auf dem Eis und es juckte mich in den Fingern und Beinen. Los, gib ab, Alter, man, so geht das nicht. Hau ihn rein!“. Sie fielen mir wieder ein, die Worte von damals, auf unseren zugefrorenen Wiesen. Und der heiße Kakao, den Oma mir abends kochte, wenn ich halb erfroren nach Hause kam.


Doch das Glück dieses Augenblickes gefror in meinen Adern und die Hände ballten sich zur Faust. Da war sie wieder, diese Wut. Sollte diese Gesellschaft auch nur einem dieser Rotznasen, diesen unbekümmerten, freien und glücklichen Kindern, etwas antun, das diese später zu Extremisten formt, dann gehörte sie, diese Gesellschaft, an die Wand gestellt.

 

Ich fror, denn ich war in einem kalten Land und ging heim.

 

***

 

Eine Station meiner Motorradreise von Lübbecke über Afrika zum Nordkap und zurück

 

Hunger! Das Lokal heißt „Casa Benito“; die nehmen alle Karten, wie man mir versichert. Also ist Fressen und Saufen bis zum Abwinken heute für mich angesagt. Darben kann ich später immer noch, sofern mein Reisebudget die Schmerzgrenze zu überschreiten droht. Einen Martini auf Eis halte ich zunächst durchaus für angebracht und dazu Muscheln St. Raphael. Klasse! Auch die darauf folgende halbe Flasche Weißwein und die anschließende Flasche Rotwein sind hervorragend.

 

Doch die Hauptspeise, Kaninchen auf Knoblauch, schmeckt zwar - aber irgendwie schmeckt sie auch bräsig. „Nicht gammelig, nein, es schmeckt bräsig, richtig bräsig!“, denke ich. Den Gedanken an das gebratene Fleisch einer erschlagenen streunenden Katze verdränge ich mit einer süßen Nachspeise und zwei Brandys, die zusammengenommen in Spaniens Landgegend, wo ich esse, soviel ausmachten, wie in Deutschland 10 kleine Schnäpse. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig. Erst dann dreht der Wirt den Schnapseinlaufhahn zu und bringt mir mein jeweils geordertes Glas.


„La quenta, por favor!“ Ich bekomme die Rechnung und lege meine Mastercard darauf. Achselzucken und etwas, das so ähnlich klingt wie: „Apparato kaputto!“, schlagen mir schon etwas auf den Magen, da ich ausreichend Bargeld nicht dabei hatte. Nachdem ich drei verschiedenen Menschen zu erklären versuche, dass ich kein Bargeld dabei habe, gehobene Hände und zuckende Schultern und Gesichter zu beruhigen suche und immer wieder darauf hinweise, mir sei vor meiner Speise- und Getränkefolge die Kartenzahlung versichert worden, kommt ein etwa zwölfjähriges Mädchen. Ich glaube, es ist die Tochter des Hauses. Sie deutet auf die Tür und fordert: „Please, we go!“ Bei dieser Ernsthaftigkeit und der unmissverständlichen Aufforderung folge ich ihr.
Wir gehen wohl fünf Minuten durch Gassen und düstere Winkel und landen schließlich vor einer Filiale der CajaMar, einer spanischen Sparkasse mit Geldautomaten. Und der spuckt das aus, was mir fehlt und entledigt mich so meinen Zahlungsschwierigkeiten.

 

„Idioten!“, denke ich und weiter auf mein Magengrummeln: „Und das Karnickel schmeckte doch bräsig!“ Dann kommt mir wieder gebratenes Fleisch erschlagener streuniger Katzen in den Sinn. Es schüttelt mich äußerlich und es grummelt mich mageninnerlich. Gedanken weg und ab in den Schlafsack, in dem ich bei warmen Wetter, wie jetzt, immer nackt schlafe, denn er hat eine Dämmung aus Daunenfedern, die ordentlich warm hält.

 

02.00 Uhr nachts. Stechende Bauchschmerzen. „Das bräsige Essen!“, denke ich, aus dem Zelt stürmend und mir eine Unterhose anziehend, bereits hierbei fast fliegend auf dem Weg zum Klo. Ich schaffe nur 10 Meter, dann scheiße ich mir in die Hosen, da ist aber auch alles dran. Die verdaute Bräsigkeit füllt zunächst meine Unterhose, läuft mir hiernach die Beine hinunter und breitet sich so auf dem Boden aus, dass meine Füße in einem See aus verflüssigter Scheiße stehen.


Mich überkommt ein Gefühl von Hilflosigkeit. Ich erinnere mich an einige Situationen in meiner Kindheit, wo ich dann aus Leibeskräften nach Oma schrie, die dann alles mit abgeklärter Ruhe richtete. Scheiße, im wahrsten Sinne des Wortes und Oma ist nicht da. Also: Unterhose in den Mülleimer, breitbeinig und nackt zurück zum Zelt, das Handtuch von der Spannschnur nehmen, Scheiße grob abwischen, vorsichtig ins Zelt, zwei neue Unterhosen holen, Handtuch nehmen und den flüssigen Scheißhaufen wegmachen, eine Unterhose anziehen, Handtuch wegschmeißen, duschen, die vor dem Duschen angezogene Unterhose wegschmeißen, die saubere Unterhose anziehen, zurückgehen, die flüssige Kotstelle umgehen, unschuldig pfeifend nach allen Richtungen schauen und prüfen, ob es auch niemand gesehen hat. Weiterschlafen.


Ich schwöre nach diesem Kackerlebnis, in Zukunft nur noch solche Karnickel zu essen, die ich selbst geschossen hatte. Und beim nächsten Tankaufenthalt würde ich Silvia Superbenzin mit 98 statt 95 Oktan einfüllen, damit ihr nicht möglicherweise in diesem Ort das Gleiche wie mir passiere. Jetzt habe ich nur noch eine Unterhose, die, welche ich auf meinem Hintern trage. „Scheiße!“, denke ich so vor mich hin.

 

***

 

In einer Woche kommt mein Schatz

 

In einer Woche kommt mein Schatz
Und kommt sie nicht, mach ich Rabatz
Freu mich auf ihren roten Mund

Denn Küssen ist ja so gesund

 

Wir werden gehen Hand in Hände
Erobern alle schönen Strände
Und kochen, dass die Schwarte kracht
Bis´ Bäuchelein und´s Herze lacht

 

Und gehn wir abends in die Heia
Dann schaukelt sie mir meine Eia
In einer Woche kommt mein Schatz
Und kommt sie nicht, mach ich Rabatz

 

Mein Schatz der kommt in einer Woche
Dann ist es aus mit der Maloche
Sie macht die Arbeit, das ist fein
Ich leg mich in den Schatten rein

 

Sie bringt mir Bier für meinen Durst
Dann bringt sie Brötchen, schön mit Wurst
Und macht mir alle Zimmer rein
Mein Schatz kommt, ach mein Schätzelein

 

Und eines tu ich immer wieder
Ich zieh ihr aus den Rock, das Mieder
Und werd an ihrem Nabel schmusen
Und weiter oben auch, am Busen

 

Sie wird sich biegen und auch beugen
Den Leib hinauf und auch herunter
Wir wollen keinen Sohn mehr zeugen
Das Vögeln hält uns trotzdem munter

 

In einer Woche kommt mein Schätzchen
Ich freu mich auf ein schönes Schwätzchen
Das können wir bis Nachts um drei
Und was dann kommt: Eijeijeijei

 

In einer Woche kommt mein Schatz
Und kommt sie nicht, mach ich Rabatz
Denn das macht alles Sinn und Zweck
Ich laß sie niemals nicht mehr weg

 

Freu mich auf ihren roten Mund
Denn Küssen ist ja so gesund
Auch sonst kann er noch mancherlei
Ihr Mund, oh ja, oh weih oh weih

 

***

 

Oktobertag - 23.10.2003


Vielleicht unten
Beim farbigen Licht
Schwamm ich gen Himmel
Worte vergraben blaue Vögel hinterm Drahtverhau
Reglos das Feld


Straßengräben erinnern an nicht erlangbare Ufer
Jeder Augenblick ist ein Federstrich
Ewige Wiederholung im Springbrunnen der fallenden Wasser
Rübezahl zerbricht meine Äste
Gießt mir ein langes Leben aus


Zu pendeln im aufgegessenen Reis
Meine Sprache lebt auch im Winter
Wie ein leerer Eimer
Rollend im Wind
Besinnst Du Dich

 

***

 

Torre del Mar - Gedankenrückblick zum 01. Oktober 2004


Ein langer andalusischer Sommer neigt sich. Heute geht die Sonne schon kälter auf, weiter südlich im Osten; dort über den Hochhäusern in Torrox beginnt sie ihre flachere elliptische Bahn. Ihre Hitze ist nur noch des Mittags. Dann sind die Strände immer noch doppelreihig belegt. Um diese Jahreszeit mit vielen fetten Weibern. Sie halten ihre nackten Brüste in die Sonne. Wenn ihr’s zuviel wird, zieht sie sich Wolken vors Gesicht.

 

Spatzen besuchen mich morgens. Am Anfang noch vorsichtig, sind sie jetzt frecher geworden. „Darf ich?“, schauen sie mich an und schon ist die Schar im Zelt hinter mir. Bei mir gibt’s Krumen haufenweise. Ich fege selten. Wo mag Dolores sein?


Zwei Camperinnen hängen Höschen und Handtücher in die Sonne. Der Schwede schraubt in der vierten Woche an seiner Antenne. Immer noch ohne TV-Empfangsmeldung. Hätte ich eine Knarre, würde ich seine Gartenzwerge erschießen. Sie schauen mich seit Wochen schon so widerlich an. Frisch gepresster Orangensaft mit ordentlich Campari ist ein klasse Gesöff. Hilft mir Ärger zu verdauen. Zum siebten Mal waren die Lizenzen nicht fertig, obwohl sie mich zum Abholen derselben ins Rathaus nach Sayalonga riefen. Jetzt sollen sie Lunes, wie sie sagen, fertig sein. Mañana, Mañana! Es fuxt mich. Aber: Wollte ich nicht auch deshalb nach Spanien ziehen?


Der Schwede trinkt Bier aus Estland und hält mir eine leere Dose „Karhu Iva“ hin. 5,4 % Alkohol. „Schweden wird die Alkoholsteuer senken müssen, sonst kaufen alle ihr Bier in Estland!“, mutmaßt er. Letztens erzählte er mir, dass er beim Laufen; er läuft einmal die Woche vier Kilometer; Probleme bekommen habe; Probleme, wie er es nannte. Drei spanische Jugendliche hatten ihm aufgelauert und mit „Fresh-Ei“, ja, „Fresh-Ei“, so sagte er, beworfen; dann gelacht, als er zur Verfolgung ansetzte und waren danach verschwunden. Außerdem sei er Diabetiker, vertraut er mir an, als ich Schnaps trinke, der ihm verboten ist. Von mir aus kann der auch Asthmatiker sein oder in „Fresh-Eiern“ ersaufen. Ist mir so Schnuppe, wie nur was.


Die Camperin sitzt breitbeinig und apfelessend auf dem Boden vor ihrem Zelt. Ihr schwarzes Kleid ist hoch gerutscht! Oh Mann…

Ich höre ein leises Bimmeln. Es ist der Ziegenhirte mit seiner Herde. Sie kündigen sich wie täglich mit diesem Ziegenglockengeläut an. Das geht eine Stunde so, dann ziehen sie weiter. Kratzte heute am Morgen meine Tabakspfeifen aus. Jetzt geht doppelt soviel Tabak hinein. Ob ich durch diesen Umstand mehr rauche, weiß ich nicht.

 

Ich sei kein gewöhnlicher Zeitgenosse, schreibt der Lokalredakteur in seinem CSN-Bericht über mich. Dabei bezieht er sich auf meinen selbst verfassten Lebenslauf. „Selbstverfasster Lebenslauf!“ Das betont er. Wer sollte meinen Lebenslauf sonst verfassen? Na ja, ganz nett geschrieben - nur irgendwie fad. Jedenfalls hat dieser kleine Tintenpisser, der nach jedem Satz, den ich ihm vorsagte: „Ähä, ähä!“, von sich gab, soviel Ahnung von Kunst, wie der Pabst vom Vögeln.


Die Camperin hat ein hellgrünes Höschen an. Jetzt steht sie auf, kriecht ins Zelt, kommt mit dem Hinterteil voran wieder herausgekrochen und geht mit Zahnbürste, Handtuch und Täschchen bewaffnet zum Waschhaus. Zurückkommend trägt sie nur noch ihr Handtuch. Dunkelgrün. Sie beriecht ihre Unterwäsche auf der Leine, wählt die schwarze aus, lässt das Handtuch fallen und zieht sich hinterm Igluzelt um, in alle Richtungen prüfend, ob sie auch bloß niemand beobachte. Mich, der nur aus den Augenwinkeln zuschaut, bemerkt sie wohl nicht. Jetzt kommt das hellgrüne Höschen auf die Leine. Das beriecht sie nicht.


Der Engländer kommt wieder an meiner Behausung vorbei. Er ist nett und lächelt mir, wie immer, zu. Ich lächele, wie immer, zurück. Morgens, wenn wir uns das erste Mal sehen, grüßt er mich immer auf Deutsch mit „Guten Morgen!“ Ich grüße jedes Mal auf Englisch mit „Good morning!“ zurück. Ich glaube, wir finden das beide etwas albern, aber irgendwie ist es zu unserem Ritual geworden. Er ist, so glaube ich, jemand, der über den Tellerrand schaut.


Die deutschen Camper werden mehr. Täglich kommen zwei bis drei neue hinzu, die hier überwintern und bis Ostern 2005 bleiben. Meist fahren sie riesengroße Campingbusse, die mit Vorzelt versehen, bis April nächstes Jahr hier stehen bleiben. Dazu leihen sie sich einen spanischen Kleinwagen für die Ausfahrten.


„In einer Woche sind die letzten Spanier weg!“, raunte mir der Hamburger, der immer mit Motorroller vor meinem Zelt vorbeifährt, zu. „Dann ist wieder ab abends um 21.00 Ruhe! Man braucht seinen Schlaf. Ich stehe jeden Morgen um Sieben auf. Um Acht gibt’s Frühstück! Ein bisschen Disziplin muss auch im Urlaub sein!“, schnarrte er zu mir herüber; er, der letztes Wochenende, zusammen mit dem Diabetes-Schweden, umfangreiche Maßnahmen ergriffen hatte, um eine Geburtstagsfeier spanischer Kinder und deren Benutzung der allgemeinen
Wege nach 20.00 Uhr abends mit Fahrrädern zu unterbinden.


„Vielleicht wollen wir Unterschriften gegen diese Unarten sammeln und sie der Campingplatzleitung übergeben!“, ließ der Diabetes-Schwede mich ungefragt wissen, der seit über einer halben Stunde krumme Nägel mit dem Hammer unter seinen fünf sich drehenden Windmühlen und neben seinem geraniengeschmückten Wohnwagen gerade klopft. Würde ihm jetzt ebenfalls gerne ein „Fresh-Ei“ auf die Birne klopfen. Man, geht mir der auf den Sack! Jetzt sägt er Bretter. Und Letztens hat er sein Eisenregal mit dem Flecks um ein paar Zentimeter gekürzt. Was der alles dabei hat! Unglaublich! „Und der bleibt bis April nächstes Jahr und der rollerfahrende Hamburger auch!“, graust es mich. Mir ist irgendwie schlecht. Gieße mir noch ’ne Camparimischung ein. Danach gehe ich Mittagsschlaf halten.


Bin wach geworden um 16.00 Uhr. Will mal Rauchen gehen. Die Camperinnen haben ihr Zelt abgebaut und gehen, die Rucksäcke auf dem Rücken, Richtung Ausgang. Vor mir schraubt der diabetische „Fresh-Ei-Schwede“ wieder an seiner Antenne. Ein neuer großer Campingbus mit dem deutschen Kennzeichen „WW“ richtet sich auf einer Parzelle ein. Als Ausfahrwagen haben die sich einen Geländewagen „Galopper“ geleistet. Der Engländer kommt vorbei und lächelt. Ich lächele zurück. Die Spanier hinter mir bauen fürs Wochenende auf. Es ist ihr letzter Kurzurlaub in diesem Jahr. Wenn sie am Sonntag gehen, ist fast alles in deutsch-schwedischer Hand. Dann wird der lange andalusische Sommer zu Ende sein.

 

***


Torre del Mar, am 01. Oktober 2004


Ich werde den Campari heute austrinken. Kann volle Flaschen von Schnäpsen, die ich mag, nicht stehen sehen. Habe ja erst gestern zwei Liter Wasser hinuntergewürgt und dem Alkohol entsagt. Dafür musste ich nachts zweimal zum Pissen aufstehen. Gesund leben ist so anstrengend, dass man dafür irgendwann zu Tode kommen wird.

Die Kloputzfrau ist eine hübsche, dunkle Spanierin. Ich liebe es, mir schöne Frauen anzuschauen und ihnen zuzulächeln. Insbesondere auch darum, weil ich heute dabei fast kaum noch Stress machende Hintergedanken hege, wie ich sie rumkriegen könnte. Und meine Holde hat telefonisch angekündigt, sie komme vielleicht nächste Woche zurück zu mir nach Andalucia. Das wird ein Leben.


Das Wetter ist heute so traumhaft, dass es fast weh tut. Ich sitze in Unterhose und sonst nichts vor meinem Zelt, unter meinem Pavillon, der mich vor den ansonsten in mein Glas scheißenden Vögeln beschützt und schreibe diese Gedanken nieder.


Der Weg ist das Ziel. In den letzten drei Jahren ist es ein guter Weg gewesen. Und wie wird das Ziel am Ende sein? Ich weiß es nicht, will es nicht wissen, da das Ziel zwangsläufig doch der Tod sein muss. Möglichst lange auf dem Weg bleiben, abstürzen und neu fliegen, fallen und wieder aufstehen. Ein zielloses Leben führen; das soll mein Ziel sein.

 

Bin zwar dieser Welt, doch nicht mir, verloren gegangen - und IHR schon gar nicht. SIE fehlt!


Nun schlafe ich, wann und solange ich will, esse, trinke, was und so viel ich möchte, fahre mit dem Jeep durch wunderschöne, staubige Landschaften, bade im Meer und manchmal packe ich an einem einsamen Strand meinen Rucksack aus, um mich an dem zu laben, was ich bei mir habe. Ich freue mich am Meeresrauschen, an der Sonne, am Regen und manchmal am Nichtstun. Ich lebe, wie ein Nomade im Speck; bin einfach da, und die Welt schuldet mir nichts.

 

***

 

 Ich suchte


heute mein übermütiges Herz am Strand vom Meer tönt Möwenschrei Muscheln
und trockene Krebsleiber im Plastik- und Flaschengerümpel ein Fischerkahn
zieht ein Boot wer mich warum bin ich und wo und wer


Ich lebe am Meer und in den Bergen mein Tag heißt Jedertag
Ich bin der Hunger und die Sattheit der Tod und das Leben der Krieg und der
Frieden der Hass und die Liebe
Und wer mich sucht nenne mich bei diesen Namen

 

***

 

Wer er ist


Sein Leben wurde aus dem Holze geschnitzt, aus dem Extremisten gebaut werden. Die Bäume pflanzte die Gesellschaft, in die er hineingeworfen wurde, selbst. Er ist ein Extremist im Denken. Und er ist gut getarnt. Wären seine Ventile nicht andere gewesen, hätte sein Mündungsfeuer auch aus metallenen Gegenständen kommen können.


Ihr tätet gut daran, solltet ihr meinen, diese Gesellschaft wäre es wert, unverändert bestehen zu bleiben, sich nicht notwendigen Änderungen zu unterwerfen, solltet ihr meinen, euch nicht als Teil der Gesellschaft selbst ändern zu müssen, radikal ändern zu müssen, ihr tätet gut daran, dann diesen, ihn, überwachen zu lassen, sein Handeln zu unterbinden.


Denn er ist keiner von euch. Sein Handeln und sein Geist trachten danach, euch abzuschaffen, diese Gesellschaft abzuschaffen, diesen Staat abzuschaffen, eure kulturelle Starrheit abzuschaffen und er, derjenige, wird die sich ihm offenbarenden Chancen hierzu nutzen. Und er versucht jene, deren Leben aus seinem Holze geschnitzt sind, zu versammeln, um euch, die ihr euch tugendsam gebt, die ihr euch gerecht gebt, die ihr euch wissend gebt, die ihr euch demokratisch gebt, die ihr euch weise und milde gebt, um eben euch, abzuschaffen.


Hütet euch vor ihm und seinesgleichen, sie, jene vom anderen Ufer, haben die besseren Waffen. Ihre Waffen sind das Wort. Es wird euch nicht reichen, die Bücher jener zu verbieten, nein, ihr müßt die Sprache jener verbieten und die Erzähler zum Schweigen bringen.
Überleben könnt ihr nur in einer durch euch stumm gemachten Gesellschaft. Und vergeßt nicht, auch ihr selbst werdet schweigen müssen, endlich schweigen müssen.


Doch hierdurch hättet ihr euch geändert, die Gesellschaft verändert, und jene hätten auch hierdurch gesiegt. Somit seid ihr es, die Verlorenen, die fochten für unmöglichen Sieg. Oh, ihr Verlorenen.

 

***

 

Selbst Unrat


ist schön in meiner Gegend sie kann auch manches Unrecht ertragen kann es
abwischen und weißen dann strahlt es im Sonnenlicht und grünblauer Luft
wird zum Ungefähr zum Vielleicht zum Ach was vertrocknet in flirrender
Sonnenhitze zerfällt zu Staub
den wäscht der Regen weg der neue Tag bringt Sonne Licht und dich

ich lebe

 

***

 

Über Caspar Hauser - Gedanken in Lübbecke


Er denkt und ist unsicher. Vor seinem Fenster links die grünen Tannen. Kleine schwarze Vögel fliegen. Ist es egoistisch, einen Platz ganz zu wollen, dort, wo er bestimmt, wer er ist? Jetzt ist die Tür offen. Die Angst kann eintreten. Jederzeit. Bleibt sie draußen bei verschlossener Tür?


Warum versteht niemand, fast niemand, dass seine Arbeit eine andere ist? Ist das Leben egoistisch, welches des Mittags allein am Tisch isst? Ist er Untermieter in einer anderen Welt, die er liebt, die es nicht merkt? Das Leben ist prall. Es bietet viele Möglichkeiten. Er will das Seine durchsetzen und hierfür nicht auf eine Entlohnung verzichten. Ist der unsozial, der gibt, was er hat? Warum verändern sich Gedanken in einer veränderten Situation?

 

Ist alles Vertrauen gut oder sind manchmal Verträge notwendig, die er braucht, um diese in der durch sie entstehenden Freiheit zu vergessen. Er ist anders, als jener Hausmann, der starb vor Jahren. Mancher Kehricht ist ihm egal und sein Auto kann jeder fahren. Nur er schläft in seinem Bett und derjenige, welcher ihn bittet, darin zu liegen. Manche glauben, er habe zu große Schuhe und fülle deren Inhalt mit seinen Tabellen. Sind wehrhaftes Zeugs, dieser Welt das abzutrutzen, was er benötigt. Um ihr das aus den Klauen zu reißen, was er braucht, die Angstlöcher seines Lebens vollzustopfen.


Ja, er ist anders, denn er will fliegen, was geht. Sein Schlachtfeld ist da draußen. Es heißt Jedertag.


Häusermeere beschirmen ihn nicht. Eher die Grashalme und fliegenden Käfer. Sollen ihn die Gedanken dieser Welt beschirmen, gilt es, sie zu bearbeiten, in ihren Tabellen zu lesen. Er geht allein eigene Wege und berechnet seine Zukunft nicht, nur die Hoffnung auf kommende Tage des Glückes. Reichtum ist kein Unglück. Armut ist es. Seine rechte Hand hat auch eine Faust und in seinen Augen sind viele Balken. Was er weggab, war sein gestriges Leben. Umsonst. Gibt es jeden Tag umsonst. Glück ist auch das Sitzen an Tischen voller Wein, wenn der leise Abendwind sein heißes Herz kühlt.


Doch die Gedanken an die Ferne bleiben und ein zu nutzendes Jahr, welches festgeschrieben ist in beschriebenen, noch ungeordneten Blättern. Vielleicht, wenn er es nimmt, verliert er sein Heim, trotz aller Tabellen, Verträge. Nutzlos hielten sie ihn doch in seiner Bahn.


Ist es wichtig, täglich den Staub der Vergangenheit wegzuwischen? Er säht sich ständig neu. Heiße Felder erheben sich immer im Wind. Und die anderen Menschen aus aller Herren Länder geben ihm in diesem Staub die Farbe, die er braucht, um in jedem Wüstenwind den Regenbogen zu sehen.


Ist er ein Egoist, weil er sich liebt und das, was er tut, tat? Kann er nicht nur darum lieben, auch das andere und sie? Fragt nie nach der Uhr und hat auch keine. Und das Bild vor ihm lächelt. Er gibt, was er hat, für ein Stück Sicherheit, die es nicht gibt. Er braucht das Gefühl, um aufräumen zu können. Um das
abzugeben, was er gedenkt zu übertragen. Das, wofür er sein Leben gab. Kein einfacher Mensch und verbirgt doch so viel Glück in sich.


Nur geordnet wird er abtreten und kann es nur dann. Wer fragt ihn nach dem Bahnhof, den er doch selbst sucht?


Will nur sein Gepäck vorausschicken. Kann es allein nicht tragen. Die gegangenen Wege waren zu schwer. Die Ordnungen, die er sich gibt und gab, sind für ein freies Leben seiner Hoffnungsvision; für den Traum voller Glück eines vielleicht kommenden Tages. Warf so vieles über Bord. Und das Meer zieht ihn mehr an, denn je.


Warum ist er in diesem Jetzt, das so vieles Blaues vermissen lässt? Sein Leben ist noch nicht genug gewesen, sich hochbeamen zu lassen. Hat noch nicht die Schnauze voll, von der irdischen Scheiße. Nicht von der Liebe, den sonstigen Gelüsten; gleich, ob fleischlicher oder geistiger Art. Fühlte er nicht die blaue Aura, er wäre ein Bauer, der unwissend die Ackerschollen bewegt, allein aus seiner Angst zu sterben.


Die Spinne gegenüber an seiner Wand ist ihm um vieles voraus. Sie ist eingebettet in allem, auch wenn sie gleich ein Vogel verschluckt.


Heute will er sich nicht mit den Konflikten versöhnen. Und wenn jene ausziehen, in die Welt, ist es nicht seine Sache. Die Zeit, als die Soldaten sein Lager angriffen, ging erst vorbei, als er die Magie fand. Es kann nicht seine Schuld sein, dass sie daran kapitulierten. Die Welt der Menschen ist nur ein Schatten der wahren Welt.


Seine Anwesenheit ist innen.


Er ist das Brot der Welt, die ihn schluckt, bis sie gesättigt ist. Die Nähe zu den Bergen kann sein ein Aufbruch ins Licht. Sie nicht zu besteigen wäre das Aufgeben seines inneren Atmens. Die Welt ist eine alte Frau, wie jede Mutter. Auch er ist Krieger im Fluss der Hoffnung. Und jene missverstehen den moralischen Tod. Es fiel ihm schwer, seine Zwangsjacke abzulegen, und er sieht sie noch hängen am verstaubten Haken. Kein Mitglied zu sein in der Sekte der Masse, heißt Stein des Anstoßes zu sein.

 

Auch er ist eine tödliche Waffe, auch er ein hungriges Kind. Nennt ihn nur bei seinem Namen. Er ist das Lächeln im trockenen Gras, der Regentropfen auf deiner Haut. Er ist das Blut einer offenen Wunde und der gnadenlose Krieger, dessen Kugel deinen Leib zerreißt. Denn er zog in dieser Welt umher, wie die Wolken im Wind.


Nenn ihn bei seinem Namen. Er ist es. Der Tod und das Glück. Nenn ihn bei seinem Namen. Er ist es, die Liebe und der Hass. Fragst Du nach wahren Werten, muss er träumen für eine Antwort. Fragst Du danach, wer er ist, wird er gestehen, es nicht zu wissen. Denn er steht in einer großen Staubwolke und wartet auf Regen.


Und wer bist Du?


Ein Funken in seiner Nacht; sein Vogel im Sturm. Und was Du siehst von ihm, ist sein Schatten im Sternenlicht. Sein Grabstein dereinst wird sein in den Lüften. Dort wird er ruhen, von unbekannter Herkunft, als Rätsel seiner Zeit. Und der Wind wird singen für ihn - für Dich.

 

***

 

Suche

 

Ich suchte.

Und als ich ein Stück Leben fand.

Zerrann es.

Wie Sandkörner aus meiner offenen Hand.

 

Jedes einzelne Korn.

War ein zerronnener Tag.

Und ich fing an, die Tage zu zählen.

Die vergangen waren.

Die Minuten und Stunden.

 

Und hätte wohl mein Leben lang.

Weitergezählt.

Die Tage meiner Vergangenheit.

Wäre nicht ein Wind aufgekommen.

Dessen frische Brise mich traf.

Und der den Sand.

Meiner morgigen Tage mit sich führte.


Diesen Morgensand.

Spürte ich in meinen Augen und zwischen meinen Zähnen.

Er schmeckte nach Lust.

Und nach Tränen.

 

***


Wölfe


zerfressen meinen Schlaf

Wolfsnächte

ich denke an Kalaschnikows

diese Wildnis vergießt kein Erbarmen

mein Zorn riecht aus jeder Ritze

die Wut ertränkt meine Farben


Sie kommt und sagt

wir fahren ans Meer

lacht mit den Augen

küsst mich auf den Kopf

ich atme tief

stopfe meine Pfeife

lächele zurück

und sehe wieder die bunten Blumen im Feld

 

***

 

Aud

 

Abends in der Bar treffe ich Aud. Sie ist OP-Schwester in der Gynäkologie in Bergen und spricht gut Englisch und etwas Deutsch. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Zuhause in Bergen, nachdem sie ihre Eltern in Nordnorwegen besuchte. Es sind nicht nur schöne Gespräche, die wir bis tief in die Nacht hinein führen, nein, wir sind unzertrennlich geworden und dieser Zustand hält mir auch die anderen Passagiere vom Halse, die immer wieder meine Geschichten hören wollen.

 

Zusammen bestaunen wir auf Deck die herrliche Natur, zum Beispiel einen Felsen mit einem Loch mitten im Meer. Wir überqueren zusammen am 19. April 2001 den Polarkreis in südlicher Richtung und besichtigen am 20. April 2001 gemeinsam Trondheim. Wir teilen die Mahlzeiten und tanzen nach Mundharmonikamusik, die jemand auf dem Deck für sich und uns spielt. Wie im Fluge vergeht unsere gemeinsame Zeit an Bord der MS Vesterålen.

 

Der 20. April 2001 ist unser letzter Abend. Morgen heißt es für uns Beiden: Auschecken. Bergen würde erreicht sein. Auds sonst fast ständig plappernder Mund ist heute schweigsam, als wir im Bordrestaurant zu Abend essen. So richtig schmeckt mir das vorzügliche Menü auch nicht. Wir sehen uns oft schweigend in die Augen und unser Lächeln ist wohl eine Spur ernster als an den anderen Tagen.


Wir hatten den Mundharmonikaspieler gebeten, an diesem letzten Abend in der Bar für uns zu spielen. Er wartet schon und seine Musik trägt uns zum Tanze. Die Bar ist wie üblich schon um 19.00 Uhr offen, geöffnet allerdings erst ab 20.00 Uhr. Diese eine Stunde ist für uns reserviert. Drei Menschen in einer Bar; einer zaubert die wundervollsten Songs; Aud und ich tanzen. Wir tanzen gedankenversunken die eine uns geschenkte Stunde, sehen uns irgendwie verloren in die Augen und sprechen kein Wort. Dann füllt sich die Bar mit Lachen und Gesprächen. Die Mundharmonika schweigt. Aud und ich nehmen uns an den Händen. Wir gehen.

 

Die Bar mit ihren Gästen ist heute nicht unsere Welt. Wir wollen an unserem letzten Abend allein sein. Nach einem langen Abschiedsabend schaukelt uns irgendwann das Schiff in den Schlaf.

 

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Wie soll ich Liebe erklären


Liebe ist nicht die Hitze der Wüste im prallen Sonnenlicht.

Sie ist die wärmende Abendsonne des Herbstes,

die dem Morgen vertraut.

 

Sie ist das Lächeln über die Aufgeregtheiten der Zeit,

über die Unrast der Suchenden.

Sie ist das Augenleuchten,

die Trutzburg in einer kalten Zeit.

 

Liebe ist Schweigen im Licht,

ist weiß;
schuldlos wie Schnee;

ist wie dein Lächeln im Frühlingswind;

ist sagen:

 

„Ich liebe Dich!

 

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Wie soll ich Liebe erklären


Vögel über dem Meer fliehen vor brennender Seele, vor der Liebe.

Und doch ist sie ein Wunder, ein fliegendes Pferd.

Ihre Lippen kennen keine Sattheit.

Sie hungern nach Vielfalt.

Die Liebe ist süßer als alle roten und weißen Rosen.

Stürbe sie

Endete die Welt.

 

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Wir


Wir sind zwei Deutsche
In Westfalen gewachsen
Unsere Sehnsucht, die zog uns weit fort


Sind nun gemeinsam wie eine Eiche
In Andalusien verwachsen
Die, wenn es sein muss, in Andalusien verdorrt

 

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Gedanken am 23.09.2012


Will dem Leben die Ernsthaftigkeit wegnehmen. Wie geht das? In X-Milliarden Jahren gibt es dieses Universum, diesen Kosmos, nicht mehr. Wo sind dann die Seelen? Leben alle gedachten Gedanken fort im Nichts? Jedenfalls ist es genau so sinnlos, etwas zu tun oder nichts zu tun. Leben und Sterben ist völlig gleich. Vielleicht gibt es ja gar kein Leben und keinen Tod.


Vielleicht bin ich nicht ich, sondern nur Gegenstand im Traum eines völlig anderen, dessen Schlaf eine Million Jahre dauert. Und wenn sein Erwachen kommt, wird alles verschwunden sein und alle geträumten Schmerzen und Verletzungen sind gelöscht, wie das Glück.

 

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Traumwahrnehmung


Traumwahrnehmung als relativ fassbares, reales Ereignis bewirkt die Veränderung des bewussten Erlebens. Wesentliches ist gespeichert im verbleibenden Blickpunkt. Unwesentliches gleitet ab ins Nirwana. Und doch bewirkt Beides die Seelenveränderung eines sich verstärkenden Bewusstseins. Die realen Träume tragen, wie wir, ein Sternenkleid. Die guten Träume tragen unser Leben zeitlos in die vernetzte Ewigkeit.

 

Doch Achtung: Traumgefahr böser Träume ist immerdar. „Ich“ ist gleich leben den guten Traum.

 

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Grenzgänger


Noch sind die Seelen Grenzgänger zwischen dem realen und idealen Sein; zu oft gefangen im realen Raum. Idealwahrnehmungen werden derzeit in der Realität gefiltert zum Traum. Dabei geht schon der Blick vom inneren Ich zum äußeren Ich. Nach dem Zerbrechen der Ellipsen trägt sie der Adler fort zu den Sternen. Dort leben sie über dem grünen Haus des Gestern.

 

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Fast ein Nonsens Gedicht


Jetzt sitz ich hier auf der Terrasse
Mit kaltem Bier, man, ist das klasse
Ich schaue auf das blaue Meer
Das Leben ist heut gar nicht schwer


Ein Vogel landet auf der Feige
Und zwitschert, wie die erste Geige
Das hat der Vogel mir voraus
Was solls. Ich hol mir aus dem Haus


Ein wenig Tabak für die Pfeife
Die Hände wasch ich mir mit Seife
Ich rauche still an meinem Tisch
Und mittags brate ich mir Fisch


Der Rauch lässt husten meine Lunge
Poah, ist das ätzend, Junge, Junge
Anita tut die Wäsche bügeln
Solch Arbeit kann mich nicht beflügeln


Ich sitze nur auf meinem Stuhle
Die Hunde balgen in der Kuhle
Die sie kratzten aus dem Kies
Wobei ich sie gewähren ließ


Sie ahnen nichts vom Trug der Welt
Als nebenan das Handy schellt
Die dann bestellen einen Tisch
Natürlich haben wir auch Fisch


Na, also, dann bis heut um Sieben
Wir freuen uns auf Euch, ihr Lieben
Flugzeuge kreuzen meinen Himmel
Vor dreißig Jahren las ich Simmel

Heut las ich Vargas „Böses Mädchen“
Das lebte einst in Chiles Städtchen
Hat dort die Männer krankgemacht
Und zu dem auch noch ausgelacht


Jetzt stört ein Auto meine Stille
Auf dieses Wort reimt sich Sybille
Die kannte ich von früher mal
Denk ich an sie, dann wird mir schal


Will denken an den Sonnenschein
Und lieber trinken einen Wein
Zum Horizonte geht mein Blick
Dann machts in meinem Kopfe „Klick“


Und pflege weiter Müßiggang
Denn Stress im Leben macht nur krank
Wie der, den jetzt hat, jene Ratze
Die flieht vor Lucie unsrer Katze


Ihr Leben endet rechts am Pfahl
Für Katzenlucies Mittagsmahl
So ist nun mal der Lauf der Welt
Auch wenn er jedem nicht gefällt


Wir sind nicht besser, wenn wir essen
Können uns mit der Katze messen
Denn wer von uns macht sich schon schlau
Ob sterben wollt, der Fisch - die Sau


Die wir beim unserem Mahl verzehren
Und konnten sich noch nicht mal wehren
Wie die Ratze
Vor der Katze


Auch die Veganer sind nicht besser
Denn sie zerschneiden mit dem Messer
Gemüse, Obst und rote Beeren
Die mit dem Munde sie verzehren

 

Und dann zermalmen mit den Zähnen
Ich will es einmal hier erwähnen
Auch für ihr Mahl - mit jedem Bissen
Wird ein Gemüse rausgerissen


Von seinem angestammten Platz
Sie sind nicht anders, als die Katz
Denn auch Gemüse möchte leben
Wie auch die Traube an den Reben


Das Leben tut uns all vereinen
Denn auch Salate können weinen
Wenn wir sie schneiden mit dem Messer
Für unsere Veganer-Esser


Wer sorglos isst den Haferbrei
Der hörte nie des Hafers Schrei
Bevor sein Leben ist erloschen
Und seine Körner rausgedroschen


Doch weg, mit diesen Frustgedanken
Ich weis´ mein Hirn in seine Schranken
Genieß den heut´gen Sonnenschein
Und schenk mir noch ein Gläschen ein

 

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